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Die Geschichte des Rittergutes
1683 wurde der Schwiegersohn des Pfarrers Johann Scherzer zu Posseck, Andreas Merz, als Pfarrer zu Bobenneukirchen bestätigt. Er war gleichzeitig Erb-, Lehn- und Gerichtsherr von Ottengrün. Im Jahre 1708 starb er auf seinem Rittersitz. Das Gut viel an seine Erben. Die Bezeichnung Rittergut taucht erstmals in einer Urkunde von 1689, „gegeben zu Moritzburg an der Elster (d.h. Zeitz) am 29. August" auf. In dieser Urkunde wurden den Besitzern des Rittergutes Ottengrün die „Obergerichte auf dem Schloss daselbst, soweit die Gebäude gehen und die Traufe fällt" cediert (übertragen). Die Bezeichnung „Vorwerk" verschwand. Es hieß nun Rittergut, ja sogar Schloss, das als „neuschriftsässig" geführt wurde. 1712 war ein Hans Adam Dittrich Pachtinhaber auf dem Rittergut. Ein weiterer Besitzer ist 1745 der Major Jonas Heinrich von Pöllnitz auf Heinersgrün und Ottengrün. Er verstarb vor 1760. Seine beiden Töchter beerbten ihn. Sein Schwiegersohn, der kurfürstliche Hauptmann Otto Gotthelf von Tettau, Erb-,Lehn- undGerichtsherr auf Bergen und Ottengrün, wurde sein Nachfolger. Dieser starb 1789 in Ottengrün. Sein vierter Sohn Anton Ludwig von Tettau, Fähnrich des Maximilianischen Regiments, überlebte ihn nur zwei Jahre. Er starb 1791 ebenfalls in Ottengrün. Nach mündlicher Überlieferung sollen noch drei ledige Geschwister von Tettau, zwei uralte Komtessen und ein Bruder hier gehaust haben. Sie sind jedoch im Sterberegister von Bobenneukirchen nicht zu finden. Zu dieser Zeit ging das Rittergut mit dem Erwerb durch die Familie Wunderlich in bürgerlichen Besitz über. Beim Einfall der Franzosen im Jahre 1806 wurde der Besitzer Wunderlich von den Soldaten verfolgt und durch einen Bajonettstich gefährlich am Arm verletzt. Er wurde aber wieder gesund und lebte noch mehrere Jahre.
1833 gehörte Herrn Johann Adam Rodel das Ottengrüner Gut. Er wurde als ein sehr umsichtiger und praktischer Oekonom, der stets ein treuer Berater und gleichsam ein Vater seiner Gerichtsuntergebenen war, beschrieben. Urkunden aus dieser Zeit tragen die Unterschrift „Rödel'sche Gerichte zu Ottengrün und Burkhardtsgrün". Zu dieser Zeit gehörten 23 Häuser in Ottengrün und 8 Häuser in Burkhardtsgrün zum Rittergut. Die gesamte Fläche des Rittergutes betrug 378 Acker und 209 Ruten; das entsprach 209,57 ha. Am 23.04. 1856 endeten die Erbgerichte des Rittergutes. 1863-1875 besaß eine Familie Günther das Rittergut. Als im Jahre 1863 mit dem Bau der Eisenbahn von Oelsnitz nach Adorf begonnen wurde, errichtete man im Ottengrüner Rittergutswald eigens dafür eine Imprägnieranstalt. Es wurden 41.063 Stück weiche und 162 Stück harte Stämme in Kupfervitriol und Zinkchlorid getränkt. Aus diesen Stämmen stellte man unter anderem 1788 Weichenschwellen für den Bahnbau her.
1875 wurde das Rittergut an Karl Wilhelm Raab übergeben. Dieser besaß von 1875-1876 auch das Lauterbacher Rittergut. Er kam aus Schwarzenberg und wurde als „Ausschlachter" bezeichnet. In drei Jahren verkaufte er sehr viel Feld und Waldparzellen. Am 13.7.1878 wurde der Kaufkontrakt zwischen Günther und Raab abgeschlossen.
Im selben Jahr (1878) erwarb Christian Friedrich Kuhn, ein Huf-und Waffenschmied aus Mühlsen bei Zwickau, das wesentlich verkleinerte Rittergut in Ottengrün. Die Größe des Rittergutes betrug 1901 115 ha, davon 44 ha Feld, 25 ha Wiesen und 45 ha Wald. Die Grundstücke lagen auf Ottengrüner und zum Teil auch auf Burkhardtsgrüner, Sachsgrüner und Bobenneukirchener Flur. Im Jahre 1908 übernahm der 50 jährige Sohn Heinrich Emil Kuhn wegen Erkrankung seines Vaters die Wirtschaftsführung des Rittergutes. Seine aus Bobenneukirchen stammende Ehefrau Agnes geb. Groh wurde am 6. September 1929 beim Überqueren der Bahngleise am Bahnwärterhaus in Pirk vom Zug erfasst und erlag ihren schweren Verletzungen.
1918 heiratete die 1913 verwittwete Schwiegertochter von Emil Kuhn den aus Rödlitz stammenden Karl Willy Decker in zweiter Ehe. Er führte das Rittergut bis Oktober 1945.
1920 betrug die Fläche 98 ha (44 ha Acker und Gärten, 24 ha Wiesen und Weiden, 29 ha Holzungen und 1 ha Wasserfläche) mit Grundstücken in Bobenneukirchen und Burkhardtsgrün. In den Ställen standen 4 Pferde, 33 Rinder, 2 Schafe und 3 Schweine. Willy Decker war als umsichtiger Landwirt und erfolgreicher Fohlenzüchter bekannt. Der Viehbestand 1945 umfasste 6 Pferde, 3 Fohlen, 28 Milchkühe, 1 Zuchtbulle, 21 Stck. Jungvieh, 4 Zuchtsauen, 7 Mastschweine, 45 Hühner, 3 Zuchtgänse und 3 Zuchtputen.
Obwohl die Fläche des Rittergutes keine 100 ha betrug, kam am 22. Oktober 1945 die Nachricht, das Rittergut wird „laut Gesetz der Demokratischen Bodenreform entschädigungslos enteignet". Die Fam. Decker sollte das Gut wie bisher bewirtschaften. Doch in den frühen Morgenstunden des 23. Oktober wurde die gesamte Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Sohn (beinamputiert) und Tochter mit ihrem 15 Wochen alten Säugling, zusammen mit Familien aus den benachbarten Rittergütern abgeholt und in das Lager Coswig bei Dresden gebracht.
Im Rittergut wurden durch ehemalige Beschäftigte Bestandsaufnahmen aller vorhandenen Vieh- und Naturalienbestände, landwirtschaftlichen Geräten, Möbel, Wäsche und persönlichen Gegenständen der Rittergutsfamilie erstellt.
1946 lebten im Rittergut drei Umsiedlerfamilien. Für den Aufbau einer neuen Existenz wurden ihnen Wirtschaftsgegenstände der Rittergutsfamilie zur Verfügung gestellt.